Geleitwort
von Prof. Dr. Jürgen Reulecke
Von allen Altersgruppen, die im 20. Jahrhundert aufgewachsen sind, haben die um 1930 geborenen Menschen in ihrer späten Kindheit und frühen Jugend die wohl extremsten Erfahrungen gemacht und ungewöhnlichsten Erinnerungen zu verarbeiten gehabt: In einem Alter, in dem sich die Heranwachsenden normalerweise allmählich und zunächst vorsichtig tastend über den engeren Familienkreis hinaus nach außen zu orientieren beginnen, wurden sie mit Bombenkrieg und Bunkernächten, mit vielen Verlusten von nahen Angehörigen und Bekannten, mit Evakuierung, Flucht und Vertreibung konfrontiert. In das weitere Umfeld dieses oft lebenslang nachwirkenden Bündels an zum Teil traumatischen Erfahrungen gehören auch die Erlebnisse bei der so genannten Kinderlandverschickung und für viele Jungen des Jahrgangs 1927/28 bei deren Einsatz als Flakhelfer.
Lange Zeit haben die Historiker die individuellen Geschichten der einzelnen Menschen und deren Biographien als Teil der allgemeinen Geschichte übersehen bzw. für nebensächlich gehalten und nur die größeren Ereignisse und Zusammenhänge, die Strukturen und Prozesse untersucht. Inzwischen wird jedoch zunehmend als zweite Seite derselben Medaille auch der „subjektive Faktor", d. h. die individuell erlebte Historizität der Menschen bzw. ihre in Biographie und Gedächtnis gespeicherte Lebenserfahrung, als Gegenstand der Forschung ernstgenommen. Wie kann man sich dieser Art von Geschichte annähern? Nicole Mause hat mit ihrer Siegener Magisterarbeit exemplarisch gezeigt, wie sich aus der Rückschau die Wahrnehmungs- und Erfahrungsgeschichte der erwähnten Generation in Form einer „dichten Beschreibung" am Beispiel der Kinderlandverschickung rekonstruieren läßt. Indem sie neben den üblichen historischen Quellen und der schon vorhandenen Forschungsliteratur vor allem auf Schulakten und privates Material (z.B. Briefe. Tagebücher, Fotoalben) sowie Interviews mit Zeitzeugen zurückgreift, gelingt es ihr eindrucksvoll, am Fall der Carl-Humann-Schule in Essen-Steele jene beiden Pole herauszuarbeiten, die den Alltag der Kinderlandverschickung bestimmten: einerseits die Zielsetzungen des NSRegirnes, vor allem der Reichsjugendführung, und andererseits die Verhältnisse „vor Ort", hier in Galtür und Ischgl im österreichischen Paznauntal, mit ihren konkreten Herausforderungen, die von konkreten Menschen erlebt wurden und bewältigt werden mußten. Den hochfliegenden Vorstellungen der Nationalsozialisten, man könne - fernab an sicheren Orten, geschützt vor den Kriegsgefahren in den bombenbedrohten Großstädten - nicht nur den Schulunterricht ungestört fortsetzen, sondern gleichzeitig auch den Nachwuchs durch eine intensive „Formationserziehung" nach dem Motto „Du bist nichts, dein Volk ist alles!" zu begeisterten und opferbereiten Kämpfern für das Regime zu machen, stellt die Verfasserin die alltägliche Mangelsituation, die vielen Organisationsprobleme und nicht zuletzt die seelische Verfassung der Kinder sowie ihrer Lehrer und Eltern gegenüber, wobei die von ihr zitierten Quellen eine deutliche Sprache sprechen: Trotz mancher Unterschiede zwischen den einzelnen KLV-Lagern kann man von einem erzieherischen Erfolg im Sinne des Regimes nicht sprechen; Behörden und Parteifunktionäre kapitulierten immer mehr angesichts der konkreten Schwierigkeiten, der Elternproteste, des Verhaltens der Schüler und schließlich des näher rückenden Kriegsendes, so daß das gesamte KLVProgramm am Ende im Chaos unterging. Die Rückkehr der Kinder nach Hause wurde dann zu einem Abenteuer besonderer Art! -
Die Arbeit von Nicole Mause dürfte jedoch nicht nur aus den schon genannten Gründen und keineswegs bloß für die noch lebenden Zeitzeugen von Interesse sein, denn sie liefert einen facettenreich-anschaulichen Einblick in ein Geschehen, das eine zwar nur kleine, aber lebensgeschichtlich höchst wirksame Konsequenz des wahnwitzigen NSWeltherrschaftsprojekts war, ehe dann alle Beteiligten, ob nun aktive Mitgestalter, Mitläufer oder Opfer, in den Strudel des totalen Zusammenbruchs hineingerissen wurden. Daß die hier behandelte, inzwischen über ein halbes Jahrhundert zurückliegende Epoche auch heute noch - mit Recht! - keineswegs zu einem in den Geschichtsbüchern abgelagerten historischen Thema geworden ist, belegen Arbeiten wie die vorliegende, belegen aber vor allem die vielen Debatten in der jüngsten Zeit über die sinnvollsten Formen des Erinnerns und des Umgehens mit einem Erbe, dem sich auch die nachgewachsenen Generationen, ob sie wollen oder nicht, letztlich nicht entziehen können.
Damit nicht Unwissenheit und Oberflächlichkeit, leichtfertiges Herunterspielen einerseits oder vorschnelle Moralisierung andererseits jene Debatten bestimmen, brauchen wir weiterhin möglichst viele historischkritische, differenziert vorgehende und einfühlsame Einzeluntersuchungen der NS-Zeit und ihrer Folgen, die den erwähnten „subjektiven Faktor" in der Geschichte ernstnehmen.
Jürgen Reulecke, Mai 2000
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