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Einleitung
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E I N L E I T U N G
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Einleitung „Der Führer hat angeordnet, daß die Jugend aus Gebieten, die immer wieder nächtliche Luftalarme haben, auf der Grundlage der Freiwilligkeit in die übrigen Gebiete des Reiches geschickt wird.“(1)
Mit diesen Worten begann eine der größten Evakuierungsmaßnahmen der deutschen Geschichte.(2) Bereits Anfang Oktober 1940 standen die ersten Kinder aus Berlin und Hamburg mit gepackten Koffern an den Bahnhöfen der Städte, um an der „Erweiterten Kinderlandverschickung“ (KLV) teilzunehmen.(3) Im Laufe des nächsten halben Jahres wurde auch in anderen Ballungsgebieten und Großstädten des Reiches für diese Aktion geworben. Teilnehmen konnten einerseits Mütter mit ihren Kindern unter sechs Jahren,(4) die meistens bei Familien auf dem Land oder seltener in Müttererholungsheimen untergebracht waren, sowie Kinder im Grundschulalter,(5) die bei Pflegeeltern unterkamen. Andererseits gab es die KLV für Jugendliche über zehn Jahren, die bis zum Schulabschluß in sogenannten KLV-Lagern wohnten und unterrichtet wurden. Um diese Art der Erweiterten Kinderlandverschickung wird es hier hauptsächlich gehen. Wie viele Jugendliche in solche KLV-Lager verschickt wurden, ist umstritten: Gerhard Dabel spricht von „2,5 Millionen Mädchen und Jungen“, die in „bis zu 9000 KLV-Lagern“(6) betreut wurden. Gerhard Kock und Carsten Kressel schätzen die Teilnehmerzahl zwischen 1940 und 1945 hingegen weitaus geringer auf etwa 850.000.(7)
Zwar war die Teilnahme an der KLV offiziell zu jeder Zeit freiwillig, jedoch wurde diese Freiwilligkeit in der zweiten Phase ab Mitte 1943 eingeschränkt. Als die englischen Luftangriffe im Reichsgebiet immer größere Schäden anrichteten und zu einer großen Bedrohung für die Bevölkerung in Ballungsgebieten wurden, blieben in vielen Großstädten alle Schulen geschlossen und wurden in weniger bedrohte Reichsgebiete verlegt. Den Eltern blieb dann außer der Verschickung ihrer Kinder nur die Möglichkeit - wollten sie ihren Töchtern und Söhnen weiterhin Schulbildung ermöglichen und nicht gegen die allgemeine Schulpflicht verstoßen - ihre Jungen und Mädchen bei Verwandten oder Bekannten auf dem Land unterzubringen, wo sie die ortsansässige Schule besuchen konnten. Mit der Aktion „Erweiterte Kinderlandverschickung“, die laut Erlaß vom 26. Oktober 1940 zunächst als Schutz- und Beruhigungsmaßnahme gedacht war, verband der von Hitler beauftragte Hauptorganisator Baldur von Schirach noch weitere Ziele:
Mit der Verschickung eines Teils der deutschen Großstadt-Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren in KLV-Lager, die von Lehrern in Zusammenarbeit mit HJ-Führern geleitet wurden, erreichte er eine Ausschaltung der Kirchen sowie der Erziehungsinstanz Elternhaus. Die Kinder sollten künftig noch stärker als zu Hause durch Staat und Partei kontrolliert werden. Der Aufbau der KLV-Lager trug den Vorstellungen der Nationalsozialisten Rechnung, die im Lager die ideale Erziehungsform sahen.(8) Innerhalb der Lager waren einerseits Lehrer für den Unterricht und die Organisation und andererseits HJ-Führer für die Freizeitgestaltung der Lagermannschaft zuständig. Der Einfluß der HJ sollte in den KLV-Lagern gegenüber der Institution Schule gestärkt werden.
Wie sich die Vorstellungen und Ziele der KLV-Organisatoren wie beispielsweise die Baldur von Schirachs auf das Stammlager(9) einer Essener Schule auswirkten und wie sich der Alltag in den ihm angehörenden Lagern gestaltete, soll in dieser Arbeit untersucht werden. Dabei stehen die „Lebensweisen“ und „sozialen Wirklichkeiten“(10) in den Lagern im Hinblick auf die Erfahrung der beteiligten Personen - Schüler, Lehrer, Eltern - im Mittelpunkt des Interesses. Es geht also nicht ausschließlich um eine formale Untersuchung, ob und wie Anordnungen befolgt wurden oder nicht und wie die Vorstellungen der Reichsdienststelle KLV Anwendung fanden, sondern auch darum, wie die Beteiligten die Situation wahrnahmen und wie sie versuchten, mit ihr umzugehen. Gab es in der eigentlich strengen Ordnung Freiräume, die die Beteiligten nutzen konnten, oder versuchten sie sogar, sich Freiräume selbst zu schaffen? Sowohl Eltern, die ihre 10- bis 14jährigen Kinder in ein weit entferntes Gebiet schicken mußten, als auch die Schüler, die für lange Zeit von der gewohnten Umgebung entfernt wurden, und Lehrer, die plötzlich eine hohe Verantwortung zu tragen hatten, wurden durch die KLV vor eine enorme Belastungsprobe gestellt.
Den Mittelpunkt der Untersuchung bildet die Carl-Humann-Oberschule für Jungen in Essen-Steele, an deren Beispiel der Alltag der Kinderlandverschickung herausgearbeitet werden soll. Die Schule wurde, nachdem die KLV zunächst von Schülern und Lehren nur zögerlich angenommen worden war, im März 1943 nach schweren Luftangriffen auf Essen geschlossen. Die Klassen Sexta bis Obertertia wurden ab April zunächst in Lomnitz an der Popelka, das rund 50 Kilometer nordöstlich von Prag liegt, und ab Oktober in Galtür und Ischgl im Tiroler Paznauntal unterrichtet. Erst im Oktober 1945, also fünf Monate nach Kriegsende, kehrten die letzten Lehrer und Schüler nach Hause zurück.
Der Zeitraum, den die Schüler in Galtür und Ischgl verbrachten, wird den Schwerpunkt der Arbeit bilden, da einerseits aus diesen Lagern die ergiebigsten Quellen vorliegen und andererseits die KLV bis zur Verlegung der Schule sowohl für Lehrer als auch für einen Großteil der Schüler nur eine geringe Rolle gespielt hat. Der Hauptteil der Arbeit liegt also auf der Ausgestaltung der Erweiterten Kinderlandverschickung in den beiden letzten Kriegsjahren, die sich im Gegensatz zu der Art der KLV in den ersten Jahren darin unterschied, daß beispielsweise der HJ-Führermangel in dieser Zeit zunehmend evident wurde. Für die Phase vor 1943 soll der Frage nachgegangen werden, warum die KLV an der Carl-Humann-Oberschule nur geringen Erfolg verzeichnen konnte.
Die Beschränkung auf eine solche „Mikrowelt“(11) bietet den Vorteil,
„daß gerade durch die möglichst vielseitige und genaue Durchleuchtung historischer Besonderheiten und Einzelheiten für die Gesamtheit der Individuen des untersuchten Bereichs die Wechselbeziehung kultureller, sozialer, ökonomischer und politisch-herrschaftlicher Momente als lebensgeschichtlicher Zusammenhang in den Blick gerät.“(12)
Es besteht also die Möglichkeit, anhand einer relativ dichten Quellenlage über einen beschränkten Personenkreis Handlungszusammenhänge und Wahrnehmungsmuster zu untersuchen.
Jedoch birgt ein solcher Ansatz auch eine gewisse Gefahr: Er verleitet dazu, die Ergebnisse dieser mikrogeschichtlichen Geschichtsschreibung zu verallgemeinern. Das ist aber gerade bei diesem Thema problematisch, da die Aktion „Erweiterte Kinderlandverschickung“ auf die verschiedensten Weisen wahrgenommen wurde,(13) sich die Lager aber auch oft elementar voneinander unterschieden.(14) Trotzdem bietet eine Einzeluntersuchung wie diese den Vorteil, genau die Faktoren aufzeigen zu können, die die gravierenden Unterschiede hervorriefen. Anhand des durch diese Arbeit entstehenden Schemas wäre es möglich, auch andere Lager nach vergleichbaren Kriterien zu untersuchen. Diese Vergleichbarkeit können Erinnerungsberichte nicht liefern, da sowohl Wahrnehmung als auch Erinnerung durch subjektive Faktoren gefiltert werden. Deshalb wird auch danach gefragt werden, welche Befunde typisch für die Kinderlandverschickung waren und welche eine Besonderheit für das Stammlager der Carl-Humann-Schule darstellten.
Gegliedert ist die Arbeit im wesentlichen in zwei Teile. Im ersten, allgemeinen Teil geht es zum einen um die Rahmenbedingungen für die „Erweiterte Kinderlandverschickung“. Dazu gehören angesichts der Zielsetzung der Aktion die Grundzüge der nationalsozialistischen Erziehungspolitik sowie die Luftkriegslage über Deutschland 1940 bis 1943, deren wesentliche Aspekte kurz beschrieben werden sollen. In einem weiteren Kapitel wird es um allgemeine Fragen der Organisation und Entwicklung der Erweiterten Kinderlandverschickung gehen. Außerdem wird die Bedeutung und Zielsetzung der KLV-Lager diskutiert.
Im zweiten großen Komplex steht das Spezielle im Vergleich zum vorhergehenden Allgemeinen im Vordergrund. Zunächst werden die lokalen Essener Voraussetzungen sowie die Geschichte der Carl-Humann-Schule und die KLV an der Carl-Humann-Schule vor 1943 behandelt. Im folgenden Kapitel wird mit der Verlegung der Schule und der Beschreibung ihrer KLV-Lager in Galtür und Ischgl das konkrete Beispiel thematisiert, das in seinen verschiedenen Facetten wie den örtlichen Begebenheiten, der Organisation vor Ort, dem Lagerleben und der Wahrnehmung durch die Beteiligten analysiert wird.
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F U ß N O T E N
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1) Rundschreiben des Reichsleiters Bormann v. 27.9.1940. Abgedruckt in: Gerhard Dabel: KLV. Die erweiterte Kinder-Land-Verschickung. KLV-Lager 1940-1945. Freiburg 1981. S. 7.
(2) Siehe Gerhard E. Sollbach: Heimat ade! Kinderlandverschickung in Hagen 1941-1945. Hagen 1998. S. 10. Allein in Essen sank die Einwohnerzahl von 1939 bis 1945 durch Evakuierung, Wegzug und Tod auf 42,78 Prozent. Besonders hoch war neben dem Anteil an Frauen der an Kindern und Jugendlichen. Bei Kriegsbeginn hatte es noch etwa 170.555 junge Leute unter 18 Jahren gegeben, im April 1945 waren es nur noch etwa 50.000. Vgl. Alexander von Plato: Fremd im Revier. Zum Verhältnis von Flüchtlingen und Einheimischen im Ruhrgebiet. In: Geschichte im Westen. Köln 1988. H.3, S. 177.
(3) Der heutige Germanist Jost Hermand wurde beispielsweise schon am 6. Oktober - also nur neun Tage nach der Bekanntgabe des Rundschreibens - vom Ostberliner Bahnhof Lichtenberg nach Kirchenpopowo im Warthegau geschickt. Siehe Jost Hermand: Als Pimpf in Polen. Erweiterte Kinderlandverschickung 1940-1945. Frankfurt a. M. 1993. S. 33.
(4) Ihre Zahl beläuft sich nach den Schätzungen Gerhard Kocks auf rund eine halbe Million. Siehe Gerhard Kock: „Der Führer sorgt für unsere Kinder.“ Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg. Paderborn, München, Wien, Zürich 1997. S. 143.
(5) Gerhard Kock schätzt ihre Zahl auf etwa eine Million. Vgl. Kock (1997). S. 11
(6) Dabel (1981). S. 14.
(7) Vgl. Kock (1997). S. 142. Vgl. Carsten Kressel: Evakuierungen und erweiterte Kinderlandverschickung im Vergleich: das Beispiel der Städte Liverpool und Hamburg. Frankfurt a. M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1996. S. 103.
(8)Siehe Harald Scholtz: Erziehung und Unterricht unterm Hakenkreuz. Göttingen 1985. S. 12.
(9) Dieses Stammlager oder auch Hauptlager setzte sich aus mehreren kleineren einzelnen Lagern der betreffenden Schule zusammen und stand unter der Aufsicht eines sogenannten Hauptlagerleiters.
(10) Detlev Peukert u. Jürgen Reulecke (Hg.): Die Reihen fast geschlossen. Beiträge zur Geschichte des Alltags unterm Nationalsozialismus. Wuppertal 1981. S. 15.
(11) Hans Medick: Missionare im Ruderboot. Ethnologische Erkenntnisweisen als Herausforderung an die Sozialgeschichte. In: Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen. Hrsg. v. Alf Lüdtke. Frankfurt/ New York 1989. S. 63.
(12) Hans Medick: Mikro-Historie. In: Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie. Hrsg. v. Winfried Schulze. Göttingen 1994. S. 44-45.
(13) Wie unterschiedlich die Erinnerungen und Gefühle im Zusammenhang mit der KLV-Zeit bei den Betroffenen auch heute noch sind, zeigte sich an zufälligen privaten Gesprächen, die ich zufällig mit KLV-Teilnehmern führte. Der Essener Humboldtschüler Erich Maylahn zeigte sich begeistert und verwies auf seinen schriftlichen Erinnerungsbericht im Stadtarchiv, in dem er die KLV über alle Maßen lobte: „Die Begegnung mit der fremden Sprache wird ihnen [den Jungen; N.M.] Auge und Ohr für die Bewährung in der Welt schärfen. Das Verbleiben im alten Kameradenkreis läßt kein zu starkes Gefühl des inneren Alleinseins aufkommen, das die Eltern Heimweh nennen und nach allen Erfahrungen stärker empfinden als die Kinder selbst. [...] Nicht der Schimmer einer Beschwerde oder eines Mangelgefühls wurde auf viele und auch vielseitige an sie gerichtete Beschwerden laut. Wenn in Kurzem auch der geregelte Unterricht begonnen haben wird, für den ebenso geeignete weite und luftige Räume in Schloß Schlüsselburg zur Verfügung stehen wie für Essen, Schlafen, Schularbeiten und Spiele, wird die Illusion der zweiten Heimat noch vollkommen werden.“ (Erich Maylahn: Kinderlandverschickung 1941 in Böhmen und Mähren. Sechs Monate mit der Humboldt-Oberschule im Protektorat. Unveröff. Erinnerungen. Essen 1996. Stadt A E 83454.) Eine andere Zeitzeugin aus Wien hingegen schrieb mir sofort ein Lied aus ihrer KLV-Zeit auf, das ihre Gefühle am besten ausdrücke: „Auf KLV zu sein ist keine Freude/ Noch in diesem Trumm-Gebäude [Trümmer Gebäude; N.M.]/ Zum derstessen san [zum Verletzen sind; N.M.] die Stiegen/ Man kann hinauf hinunter fliegen!/ Eingekerkert ist man drinnen/ Von hier gibt es kein entrinnen/ Kirchberger Lagermädchen haben keine Freiheit mehr.“ (Handschriftliche Notiz von Johanna W. v. 24.11.1998. Privatarchiv)
(14) Jost Hermand schreibt in seinem Erinnerungsbericht beispielsweise: „Zudem verfüge ich nicht nur über eine, sondern fünf Lagererfahrungen, die recht verschieden waren und daher einen ungewöhnlich breiten Querschnitt durch die vielseitigen Ausprägungen der zwischen 1940 und 1945 praktizierten „Erweiterten Kinderlandverschickung“ erlauben. [...] Neben sogenannten schönen oder durchschnittlichen KLV-Erlebnissen kenne ich also auch brutalste Formen der KLV-Erfahrung, die in ihrer Härte möglicherweise exzeptionell, aber gerade darin besonders aufschlußreich für die hinter diesen Lagern stehenden faschistischen Erziehungsprogramme sind.“ Hermand (1993). S. 26.
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